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Eine unendliche Geschichte
von Ruth Kasimir
Es ist ein Phänomen, schwer erklärbar, warum sich in zeitlich periodischen Abständen die gleichen Fragen stellen, die im Prinzip schon vor mehr als hundert Jahren standen und im Grunde auch beantwortet worden sind. Jede Zeit beantwortete sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Worten und Wissen, manchmal jedoch gegen besseres Wissen einem Modetrend oder einer Kultperson folgend.
Nun aber sehe ich mit einigem Bedenken, das die gleiche Fragestellung die Barsoizucht wiederum in zwei Fronten teilt:
Es ist das Pro und Kontra der Schönheitsjünger und der Leistungsfanatiker.
Im Prinzip sollte ja eigentlich die „Goldene Mitte“ das Zuchtziel sein!
Oder war nicht immer Schönheit und Leistung das Erstrebenswerte, der eigentliche Sinn eines Barsois, eines Hetzhundes?
Um zu diesem begehrenswerte Ziel zu gelangen, brauchen wir nur einmal die Nase in die uns überlieferten Schriften der alten erfahrenen Züchter zu stecken.
Warum schrieb eigentlich Jermolow 1888 nach 35-jähriger Zuchterfahrung seinen Standard? Auch damals gab es unterschiedliche Auffassungen von der Zucht und dem Exterieur der Rasse. Es ist sehr interessant, neben dem Standard die Gründe und Ursachen zu lesen, die Jermolow zur Erstellung des Standards bewogen haben.
Wir können Johannes Rickmeyer noch heute dafür dankbar sein, das er in den „Neuen Baltischen Waidmannsblättern“ der Ausgaben vor dem 1. Weltkrieg diese Abhandlung in einer Übersetzung von Robert Croon aus Smolensk fand und sie der Nachwelt - also uns - erhalten hat. Oder lesen wir doch die Schriften von Ernst Bussius, des Rüdenmeisters der Herren von Falz-Fein aus der Aslania Nova, von Dr. Wegener , von Wilhelm Müller bis in die „Moderne“, z.B. „Der Weg zum Weltsieger“ von Werner Geist usw., usw., usw.
Es ist natürlich allen Beiträgen eine subjektive Färbung nicht abzusprechen, doch übereinstimmend für eine erfolgreiche Zucht legten uns jene Züchter zwei grundlegende Dinge ans Herz:
Das ist erstens die Zucht mit Blutlinien (Linienzucht, Familienzucht, R. K.).
Das beste Beispiel ist hierfür Perchino. Diese als Vorbild dienende Zuchtstätte mit all ihnen uns heute schwer vorstellbaren Möglichkeiten begann mit einer Farbzucht. Als diese nichts brachte, gab man der Zucht nach Feldeigenschaften, unserer Sprache angepasst nach Leistung, das Primat. Auch das war von gleicher Erfolglosigkeit gekrönt bis man sich auf die Blutlinien besann und damit, und nur damit, stellte sich der große Zuchterfolg ein.
Der zweite Punkt, den alle erfahrenen Züchter in ihren Schriften uns einmütig ans Herz legen, ist die Warnung vor der Zucht mit zu großen Hunden.
Wie schreibt schon Jermolow?... “Legt man jedoch bei der Zuchtwahl ein zu großes Gewicht auf die Reckenhaftigkeit (Größe, R.K.), so kann man leicht eine fleischige Massigkeit erzielen"...
Diese „fleischige Masse“, die heute oft mit „Substanz“ gleichgesetzt wird sollte uns bei Hunden, die zu einer Leistung fähig sein müssen, bedenklich stimmen.
Für die Leistungsfähigkeit, also für das Erbringen einer Leistung ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, ist nun einmal die Konstitution eines Hundes ausschlaggebend und darauf können wir mit der Zucht Einfluss nehmen.
Doch zum Exterieur eines guten Barsois gehört auch das angemessene Interieur.
Das bedeutet sein Wesen, sein Charakter, seine Intelligenz usw., muss seiner Rasse entsprechen.
Und ist es nicht gerade die ihm so oft abgesprochene Intelligenz die ihn zum eigentlichen König unter den Windhunden macht?
Sie ist es doch, die ihm im künstlichen Hetzobjekt oft nur den Ersatz des eigentlichen Wildes erkennen lässt!
Wer einmal die „Arbeit eines Barsoi im Felde“ erlebte, wird den Unterschied seines Leistungsvermögens zur Hasenatrappe erkennen, die ihn nie hundertprozentig stimuliert.
Zum Leistungsvolumen gehört die Kondition die, heute oft schon mit wissenschaftlichen Methoden antrainiert, zu mehr Erfolg führen kann.
Doch hierbei sollten wir bedenken, das die Möglichkeiten eines Trainings für unsere Hunde territorial sehr unterschiedlich sind.
Wenige haben von den örtlichen Städten und Gemeinden einen Freilauf und schon gar nicht einen geeigneten, naturbelassenen Trainingsplatz für die Barsois.
Viele müssen 200 km und mehr bis zur nächsten Rennbahn oder zum nächsten Coursingplatz zurücklegen.
So ist die Autofahrt, die unsere Hunde meist sehr lieben, doch in der Endabrechnung für sie sehr strapaziös und belastend.
Und einen untrainierten Hund, auch wenn er noch so „hasenscharf“ ist, ins Rennen schicken? Wer will das verantworten?
Eine Zucht nur mit Hunden die im Besitz eines Leistungsnachweises sind, halte ich für sehr bedenklich. Diese Reglementierung wäre in Anbetracht jahrzehntelanger Erfahrungen ganz einfach falsch.
Wichtig ist, dass ein Barsoi zu einer Leistung fähig sein muss und das setzt neben einer korrekten Anatomie auch die physische wie auch psychische Belastbarkeit voraus, über die ein hasenscharfer Hund nicht unbedingt verfügen muss.
Um den Beweis zu erbringen, müsste meines Erachtens in der Körordnung einiges verändert und eine gründliche Zuchtanalyse betrieben werden. Meine größeren Bedenken gehen jedoch in eine andere Richtung. Eine schärfere Reglementierung oder ein größerer Einschnitt (um einen solchen handelt es sich hier in der Zucht) in jedem Bereich, nicht nur auf kynologischem Gebiet, zieht meist eine Trennung oder zumindest Abspaltung nach sich. Beispiele hierfür gibt es genug! Schon die Rasseclubs genügen der Beweisführung!
Besinnen wir uns auf die Erfahrungen der alten Züchter die ja so schlecht nicht sein konnten. Denn woher hätten wir sonst unsere schönen und auch leistungsstarken Barsois?
Wie gesagt, alles war schon einmal da, alles stand schon einmal geschrieben ...
Ruth Kasimir



